Allgemein

9) Modul 4a und 4b: 4 Tage Personensorge…und menschliche Abgründe

Liebes Tagebuch,

ich bin durch.

Nicht im Sinne von „kaputt“, sondern eher so: Mein Kopf ist gerade ein offenes Lexikon der Psychopathologie – und irgendjemand hat vergessen, die Seiten zu sortieren. Alles ist da. Irgendwo. Ich muss es nur wiederfinden.

Die letzten Tage waren intensiv. Richtig intensiv.
Es fing mit zwei Tagen „Vorbereitung“ an – wobei 300 Seiten Modulunterlagen eher nach Strafarbeit klangen als nach Vorbereitung. Wahnvorstellungen, Ich-Störungen, Persönlichkeitsakzentuierungen – einmal quer durch alles, was die menschliche Psyche so aus dem Gleichgewicht bringen kann. So viel geballte Fachlektüre hatte ich seit dem Studium nicht mehr vor mir.

Aber gut. Fundament ist Fundament.

Dann kamen zwei Tage Zoom-Schulung. Und die Prüfung. Und mittendrin eine Psychiaterin, die uns mit beeindruckender Ruhe durch das geführt hat, was ich inzwischen ehrfürchtig die „heilige Dreifaltigkeit menschlicher Abgründe“ nenne.

Damit ich das alles nicht wieder vergesse, mein Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen:

Schizophrenie ist Realitätsverlust in Reinform. Menschen hören Stimmen, entwickeln Wahnvorstellungen – und das alles fühlt sich vollkommen echt an. So real wie für mich gerade diese Tastatur. Das Tückische: Man merkt es nicht.

Psychose ist der Überbegriff dafür. Oder, wie die Ärztin sagte: „Ein Riss im Film des Lebens“. Ein Satz, der hängen bleibt. Plötzlich laufen Szenen, die nicht ins Drehbuch gehören, und man steckt mittendrin. Das kann bei Schizophrenie passieren, aber auch bei schweren Depressionen oder durch Substanzen.

Persönlichkeitsstörungen sind eine andere Baustelle. Die Realität bleibt – aber der Umgang mit ihr hakt. Alles läuft in festen Mustern, wie auf Schienen. Borderline fühlt sich an wie ein emotionaler Orkan. Paranoid heißt Dauer-Alarm. Narzisstisch wirkt nach außen groß und ist innen oft erstaunlich brüchig. Es ist, als würde die Nadel immer wieder in dieselbe Rille springen.

Der Unterschied hat sich mir eingebrannt: Bei Psychosen übertönt die Innenwelt die Außenwelt. Bei Persönlichkeitsstörungen ist die Außenwelt da – aber die Reaktion bleibt starr.

Und dann sind da noch die Ich-Störungen. Gedanken fühlen sich plötzlich fremd an. Als würden sie eingegeben oder mitgehört. Die Grenze zwischen „ich“ und „nicht ich“ verschwimmt. Ein Zustand, den ich mir kaum vorstellen kann – und der genau deshalb so beklemmend ist.

Mein Fazit nach diesen Tagen?

Ich bin beeindruckt. Und ehrlich gesagt auch ein bisschen demütig.

Die Ärztin hat nichts beschönigt, aber auch nichts dramatisiert. Sie hat klargemacht: Das sind echte Erkrankungen. Kein „sich nicht zusammenreißen“. Kein „ein bisschen schwierig“. Sondern Zustände, die unglaublich anstrengend sind – vor allem für die Betroffenen selbst.

Besonders hängen geblieben ist mir der Gedanke, wie erschöpfend es sein muss, wenn das eigene Gehirn nie zur Ruhe kommt. Und wie sehr frühe Erfahrungen Menschen prägen können – so sehr, dass sie ihr ganzes Leben lang daran festhalten, auch wenn es längst nicht mehr hilfreich ist.

Ich habe Seiten vollgeschrieben. Pfeile, Notizen, Ausrufezeichen. Und trotzdem habe ich das Gefühl, nur an der Oberfläche gekratzt zu haben.

Es ist eben ein Unterschied, ob man mal schnell „Schizophrenie“ googelt – oder ob einem jemand zwei Tage lang die Zusammenhänge erklärt.

Gut, dass die Woche rum ist.

Mein Kopf raucht.

P.S.: Seit heute ertappe ich mich dabei, wie ich bei jedem Kollegen denke:
„Ist das jetzt einfach nur eigen… oder schon behandlungsbedürftig?“
Ich sollte das wirklich lassen.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert