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1) Wie alles begann – oder: Die Frau für alle Fälle

Manchmal stolpert man nicht in einen Beruf hinein – manchmal hat er einen schon längst eingeholt, ohne dass man es bemerkt hat. Nur dass ich damals noch dachte, ich würde einfach nett sein.

Wenn ich zurückblicke, dann war ich schon immer die, die angerufen wurde. Die mit dem Notizblock am Telefon, die mit den Kontakten, die mit der Hartnäckigkeit eines Terriers, wenn es darum ging, Unmögliches möglich zu machen. Die Frau für alle Fälle. Nur ohne Trenchcoat und Lupe.

Da war meine alte Dame. Jahre habe ich sie begleitet, durch gute Tage und durch die schweren, als die Erinnerungen zu verblassen begannen und die Welt immer verwirrender wurde. Ich war ihre Stimme, wenn sie keine mehr hatte. Ihre Orientierung, wenn alles zu viel wurde. Ich hielt ihre Hand, saß stundenlang an ihrem Bett, sortierte ihre Medikamente und kämpfte mit Pflegediensten, als wäre ich ihr persönlicher Bodygard.

Aber es blieb nicht bei ihr.

Freunde riefen an. „Du, ich weiß nicht weiter…“ Und schwupps saß ich wieder da, mit Telefonhörer am Ohr, recherchierte, organisierte, kämpfte. Für die einen ging es darum, eine störrische Unfallversicherung zur Zahlung zu zwingen – Anwälte mussten beauftragt werden, Gutachten eingeholt, Fristen jongliert wie bei einer Zirkusnummer. Für andere hieß es: Haus und Hof verkaufen, weil das Pflegeheim bezahlt werden musste und das Ersparte längst aufgebraucht war. Ich half bei Vermietungen, begleitete zu Ärzten, übersetzte medizinisches Fachchinesisch und tröstete, wenn die Diagnosen niederschmetternd waren.

Und dann waren da die wirklich schweren Stunden. Die, bei denen man nachts wach liegt und sich fragt, ob man das Richtige getan hat. Ein Mensch aus meiner eigenen Familie, der in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurden. Freiheitsentziehende Maßnahmen – ein Begriff, der so kühl und bürokratisch klingt und doch so viel Verzweiflung, Ohnmacht und manchmal auch Erleichterung bedeutet. Ich lernte, was es heißt, für jemanden zu entscheiden, der nicht mehr selbst entscheiden kann. Wie schwer das wiegt. Wie einsam man sich dabei fühlen kann.

All das passierte einfach so, nebenher. Ich dachte nie: „Das ist ein Beruf.“ Ich dachte: „Das macht man eben. Für Menschen, die einem wichtig sind.“

Bis eines Tages ein Freund zu mir sagte – ich höre seine Worte noch heute, halb amüsiert, halb ernst: „Wenn du das alles eh schon machst… warum machst du es dann nicht gleich richtig? Beruflich?“

Ich starrte ihn an. „Ich? Beruflich?“

Er lachte. „Du machst das doch sowieso. Nur, dass du dafür bezahlt wirst. Und vielleicht noch ein paar Menschen mehr helfen kannst.“

Der Gedanke war absurd. Und gleichzeitig… faszinierend.

Allerdings – und das sollte ich erst viel später verstehen – war das, was ich für meine Freunde und Bekannten getan hatte, ein ganz anderes Kaliber als das, was ein gesetzlicher Betreuer tut. Ich hatte alles gemacht. Händchen gehalten, getröstet, nachts am Telefon gesessen, stundenlang Beistand geleistet. Ich war Freundin, Vertraute, Seelsorgerin und Organisationstalent in einem.

Ein gesetzlicher Betreuer? Der ist rechtlicher Vertreter. Punkt. Keine Freundschaftsdienste. Kein Händchenhalten. Keine nächtlichen Telefonate, nur weil jemand Angst hat. Die Aufgabe ist klar umrissen: rechtliche Unterstützung, nicht emotionale Rundumbetreuung. Ein Betreuer kann gar nicht so umfassend zur Verfügung stehen, wie ich es getan hatte.

Aber das wusste ich damals noch nicht.

Ahnungslos, wie ich war, dachte ich: „Klar, warum nicht? Ich kann das doch!“

Und so begann meine Reise in einen Beruf, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, dass er auf mich gewartet hatte. Gesetzliche Betreuerin. Ein sperriges Wort für etwas, das – wie sich herausstellen sollte – viel komplexer, bürokratischer und manchmal auch absurder war, als ich es mir je hätte träumen lassen.

Aber dazu später mehr.

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